Eine OER-Strategie für Deutschland – unsere Einschätzung und nächste Schritte

Frankfurt, 29.07.2022 – Nach vielen Jahren und Gesprächen ist es endlich so weit, ein wichtiger Schritt zur Förderung digitaler und offener Bildung in Deutschland ist erfolgt. Heute stellte Dr. Jens Brandenburg, Parlamentarischer Staatssekretär im BMBF, die bundesweite “OER-Strategie – Freie Bildungsmaterialien für die Entwicklung digitaler Bildung” (Open Educational Resources, kurz: OER) im Rahmen einer Online-Veranstaltung vor, die von der Informationsstelle OER des DIPF ausgerichtet wurde. Eingeladen waren OER-Expert*innen, die im Zuge eines mehrjährigen Entwicklungsprozesses an der OER-Strategie aktiv mitgewirkt haben. Viele davon sind Mitglied im Bündnis Freie Bildung. Die Öffentlichkeit war – trotz der offenen Zielsetzung der Sache an sich – ironischerweise von der Vorstellung ausgeschlossen. Die Strategie ist hier nachzulesen. 

Worauf zielt die Strategie ab? Was soll erreicht werden?

Mit der OER-Strategie möchte das BMBF Entwicklungsperspektiven und zukünftige Förderbereiche für die weitere Etablierung offener Bildungsmaterialien und -praktiken im Kontext digitaler Bildung aufzeigen und bereits bestehende Initiativen und Maßnahmen der Bundesregierung verknüpfen. 

Das BMBF strebt mit der Strategie folgende Handlungsziele an: 

  • Anreizsysteme zur Erstellung und Nutzung von OER schaffen und Rahmenbedingungen verbessern,
  • Kultur der Offenheit, der Kooperation und des Teilens sowie breit genutzte Standards und passende Formate des Community-Managements fördern,
  • Chancenmanagement in Bildungsinstitutionen stärken und Strategieentwicklungsprozesse, Kerntechnologien und offene Praktiken im Kontext von OER fördern.  

Dabei formuliert das BMBF drei konkrete Funktionen, die die OER-Strategie erfüllen sollen. Sie soll:

  1. Die Interoperabilität freier Bildungsmaterialien und OER-freundlicher Infrastrukturen mit bestehenden Initiativen des BMBF aufzeigen,
  2. Möglichkeiten, wie OER intensiver genutzt werden können,
  3. und Schwerpunkte zur Förderung ermitteln.

Im Folgenden hat sich das Bündnis Freie Bildung das Ergebnis genauer angeschaut und eine Analyse der Strategie vorgenommen.

Unsere Einschätzung zur OER-Strategie

Wir sind froh über die finale Veröffentlichung der Strategie und auch darüber, dass die Bundesregierung endlich einen sehr wichtigen Schritt nach vorne macht. Neben dem Ausbau der digitalen Vernetzungsinfrastruktur, mit der Nationalen Bildungsplattform und der Ausstattung der Schulen im Rahmen des DigitalPakts Schule war es schon längst an der Zeit, den Kulturwandel zu befördern, das Bildungssystem neu zu denken und in diesem Sinne auch die Kooperation zwischen Akteur*innen der Bildungslandschaft zu stärken. 

Unsere Erwartungen waren hoch, da die Strategie bereits während der letzten Legislaturperiode angekündigt wurde. Wir haben an Runden Tischen teilgenommen, Stellungnahmen geschrieben und Ideen eingereicht. Das BMBF versammelte geballte Expertise aus der Bildungslandschaft, um die immer größer werdende Bildungsungerechtigkeit abzubauen. Ein durch das Bündnis Freie Bildung veröffentlichter Entwurf war diesem Prozess 2020 vorausgegangen.

Die nun vorliegende Strategie zeigt den Willen des BMBF als unterstützender Rahmensetzer zu fungieren und bietet gute Anknüpfungspunkte für weitere Initiativen und Maßnahmen für eine Bildung, die alle erreicht und mitnimmt. Unsere grundlegende Einschätzung ist, dass die Strategie für die Weiterentwicklung und Etablierung von OER und OEP in der Bildungspraxis richtungsweisend ist. Leider kommt die Strategie viel zu spät. Sie hätte einen wichtigen Beitrag leisten können, in einer Zeit, in der Schulen auf digitale Infrastrukturen angewiesen waren. 

Welche Empfehlungen werden umgesetzt? Was fehlt? 

Folgende Punkte sind zu schwach oder unzureichend:

  • Der Zugang zu OER wird zwar mehrfach in der Strategie erwähnt (vgl. S. 10, 12 & 17), bleibt aber unkonkret, dass OER mehr ist als freie Lizenzierung, sondern auch die freie Zugänglichkeit ohne Login etc. miteinschließt, wird nicht explizit erwähnt. 
  • Die fehlende Verpflichtung zu CC0 und CC BY (-SA).
  • Der Fokus liegt stark auf formaler Bildung. In der Strategie wird zwar die Vernetzung mit non-formalen Akteur*innen angestrebt, aber die Schule scheint im Mittelpunkt zu stehen.
  • Hochschulen und universitäre Einrichtungen erscheinen in erster Linie als forschende Akteur*innen. Ihre Rolle als (zentrale) Akteur*innen in der Kompetenzentwicklung wird zu schwach angestrebt. 

Welche Empfehlungen haben wir ausgesprochen?

Seit vielen Jahren beraten wir als Bündnis Freie Bildung zu freien Bildungsmaterialien und -praktiken und haben unsere Empfehlungen für die Umsetzung einer bundesweite OER-Strategie kontinuierlich ausgesprochen. Im September 2020 haben wir einen umfassenden Vorschlag für die Strategie ausgearbeitet, in der wir konkrete Maßnahmen für verschiedene Aktionsfelder formuliert haben, die dabei helfen, Open Education, d. h. offene Bildungsmaterialien, Praktiken und Infrastrukturen, ganzheitlich und nachhaltig anzubieten und so Bildung allen zugänglich zu machen. Des Weiteren haben wir konkrete Forderungen gestellt und Empfehlungen abgegeben, die dem BMBF im Zuge der “Runden Tische” 2021 vorlagen.    

Unsere Forderungen bei den “Runden Tischen” auf einem Blick:  

  • die Creative-Commons-Lizenz CC BY, vielmehr die Freigabe-Erklärung CC0 als Standardlizenz für alle öffentlich-geförderten Initiativen,
  • eine stärkere Berücksichtigung gemeinnütziger Initiativen aus dem Bereich der freien Bildung in den öffentlichen Vergabeverfahren und
  • den Ausbau und die Stärkung von Beratungs- und Netzwerkstellen für die Verankerung von OER und Digital Literacies in der Bildungspraxis.

Welche Forderungen ergeben sich jetzt daraus? Was sind unsere Empfehlungen für nächste Schritte? 

  • Mit Blick auf die OER-Strategie bleibt fraglich, ob und wie dauerhafte Strukturen für eine breitflächige Öffnung von Bildung in Deutschland geschaffen werden sollen. Daher sind nachhaltige Finanzierungsoptionen für OER, OEP und deren Infrastrukturen notwendig, um OER und OEP als Bildungsstandard für Lehrende und Lernende setzen zu können. 
  • Bildungsmaterialien sollen standardmäßig als OER Eingang in die Bildungspraxis finden, denn was öffentlich finanziert wird, muss öffentlich zugänglich sein. Dafür müssen Rahmenbedingungen auf bildungspolitischer Ebene geschaffen werden, die diesen offenen Zugang zu Bildung ermöglichen. Gleichzeitig gilt es, die Arbeit von Lehrenden hinsichtlich Erstellung, Anpassung und Weiterverbreitung von OER zu stützen, um offene Bildungspraktiken zu fördern. 
  • Daher fordern wir eine konsequente Durchsetzung von “Öffentliches Geld, Öffentliches Gut” in Form einer Gesetzesänderung. Daraus kann sich wiederum ein direkter Mehrwert für alle generieren. Diese Forderung ist zwar in der Strategie enthalten (S. 9), es bleibt aber offen, inwiefern diese Forderung ihren Weg in die Praxis finden soll. Wir würden ein Gesetz begrüßen, welches definiert, dass Arbeitsergebnisse und Lehrmaterialien von Lehrkräften grundsätzlich offen zu lizensieren sind.
  • Die Creative-Commons-Lizenz CC BY, vielmehr die Freigabe-Erklärung CC0 als Standardlizenz.
  • Um nachhaltige Vernetzungs- und Beratungsstrukturen für OER-Interessierte und OER-/OEP-Communities zu schaffen, ist eine Beratungs- und Netzwerkstelle als Bundesagentur einzurichten.
  • Die OER-Strategie wird als “lebende Strategie” betitelt. Das nehmen wir uns zu Herzen und bauen auf einen kontinuierlichen Austausch mit dem BMBF, der Community und OER-Interessierten, um unsere strategischen Ausrichtungen für offene, zeitgemäße Bildung fortlaufend weiterzuentwickeln. Wir stehen für Gespräche zur Umsetzung der Strategie zur Verfügung und freuen uns auf den weiteren Austausch. 

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