Zur Startseite

Wie überzeugt man den Bildungsminister, OER-Projekte zu initiieren?

Juni 28, 2017 - veröffentlicht in OER , Uncategorized , Veranstaltungen - Tags: , , ,

Ein Einblick von Matthias Andrasch in das zweite OER Policy Forum (#OERforum)

Durch das Bündnis Freie Bildung ergab sich für mich ich Anfang Juni die Gelegenheit, das zweite OER Policy Forum in Warschau zu besuchen. „Wie überzeugt man den Bildungsminister, OER-Projekte zu initiieren?“ – diese Frage äußerte eine Teilnehmerin im Programmpunkt „Advocacy“-Workshop. „Advocacy“ könnte man mit Interessensvertretung oder Lobbygruppe übersetzen, das (politische) Eintreten für eine Vision oder eine bestimmte Sache ist aber in diesem Kontext passender.

Am Montag nach dem Forum in Warschau stand für die Teilnehmerin und ihr Bündnis für Offene Bildung ein Meeting mit dem Bildungsminister ihres europäischen Landes auf dem Programm, in welchem der Minister überzeugt werden sollte, möglichst konkrete Schritte hinsichtlich von freien Bildungsmaterialien einzuleiten. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, denn in ihrem Land waren die Bildungsminister*innen bisher immer nur wenige Jahre im Amt – und OER war bisher weder Top-Priorität bzw. teilweise eher vollständiges Neuland.

Foto von Matthias Andrasch, CC BY 4.0 via OERinfo

CC BY-SA-Bahnhof

„CC BY-SA-WTF“ war einer der Ratschläge, die Nicole Allen (SPARC Nordamerika) als Workshopleitung den anderen Workshopteilnehmerinnen und mir auf den Weg gab. Mit „CC BY-SA-WTF“ wies Allen auf Problematik hin, dass man selbst vielleicht oft den Drang verspürt, Personen direkt ein komplettes Bild von Open Educational Resources zu vermitteln und ihnen somit erstmal die verschiedenen Creative Commons Lizenztypen wie BY und SA (Share-Alike) näherbringen möchte. Frei übersetzt verstehen die Leute aber meist eben nur erstmal eins: Bahnhof. Eine zielgruppenspezifische Ansprache ist dementsprechend wichtig, wenn man Akteure von freier Bildung überzeugen oder sie sensibilisieren möchte. „Know your audience“ – die Personen müssen möglichst gut abgeholt werden.

Folgenden Gedankengang habe ich deshalb persönlich erst einmal aus meinem Kopf verbannt: Dass alle Menschen zu denselben rationalen Schlussfolgerungen kommen, wenn man ihnen die aktuelle Probleme in Bezug auf Urheberrecht und Bildung nur gut genug erläutert sowie die Creative Commons Lizenzen ausführlich erklärt – hier braucht es deutlich mehr Anstrengungen und komplexere Ansätze, da die Welt eben nicht so rational und logisch funktioniert und alle Akteure automatisch auf freie Bildung oder OER setzen, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen.

Einen möglichen Ablauf für Advocacy-Besprechungen stellte Allen wie folgt vor:

  1. „Describe the problem“
  2. „Present the solution (z.B. OER)“
  3. „Tell a story“
  4. „Make an „ask“ (what you want them to do)“
  5. „Make a plan to follow up“

Hört sich in der Theorie gut an – aber macht das wirklich jemand?

Einen bemerkenswerten Punkt, den Allen betonte, war eher praktischer Natur: In Bezug auf freie Bildung bzw. Open Educational Resources haben Aktivist*innen, Bündnisse oder andere engagierte Personen viele großartige Argumente auf ihrer Seite: Lehrmaterial kann frei verändert werden, Lehrer*innen könnte Inhalte austauschen, Videos können untertitelt und in anderen Ländern genutzt werden, spezifische Anpassungen für verschiedene Lernendengruppen sind möglich – die Liste ist lang und vielfältig. Bei Gesprächspartner*innen kann hier unter Umständen schnell die Frage aufkommen, ob diese theoretischen Potenzialen dann jemand real nutzt. Hat man keine Praxisbezüge im Gepäck, steht man hier unter Umständen schnell auf verlorenem Posten. Laut Allen können hier Presseberichte oder Storytelling-Methoden helfen, um abstrakte Potenziale greifbarer zu machen – „Tell a story!“.

OER als Lösung präsentieren?

Es gibt verschiedene Probleme, die im Kontext von OER und Advocacy beschrieben werden können. OER als Lösung für das Problem der komplizierten und unzeitgemäßen Urheberrechtsregelungen im Bildungsbereich zu präsentieren, fällt zumindest mir nicht ganz leicht: So verfügt man in den USA eben über den Rettungsfallschirm der „Fair Use“-Regelung, wenn Creative Commons Lizenzierungangaben vergessen oder falsch angegeben werden. In Deutschland hat man eher schlechte Karten, da eine Generalklausel im Urheberrecht weiterhin in ferner Zukunft liegt und man somit hoffen muss, dass im Worst-Case eine der Einzelregelungen (Bildungsschranken) greift.

In Bezug auf die Erfolgschancen war es ebenso eine bereichernde Diskussionsfrage, ob man kulturelle Unterschiede beachten sollte – so liegt die Vermutung nahe, dass einige Akteur*innen und Entscheider*innen in Deutschland eher risikoorientiert an Themen herangehen. Somit könnte es hier schwierig sein, wenn man rein über die Potenziale die Begeisterung für OER wecken möchte, ohne direkt am Anfang die Risiken ebenfalls zu thematisieren oder die Risiken bewusst aufzugreifen in der Argumentation für OER. Hier kommt es aber wohl sehr auf den oder die jeweilige Gesprächspartnerin an.

Foto von Matthias Andrasch, CC BY 4.0 via OERinfo


Frustrierend und langwierig?

Bei der Advocacy-Arbeit gilt es auch lang-, mittel- und kurzfristige Ziele zu unterscheiden, z.B. in dem ein Bildungsminister oder eine Bildungsministerin erstmal überhaupt eine Maßnahme in Planungspapieren erwähnt, die sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin dann zukünftig umsetzen kann. Die Advocacy-Aktivitäten beschränken sich hierbei nicht nur auf Gespräche mit Politiker*innen, ebenso wichtig können Angestellte, Referent*innen oder Sekretariatsmitarbeiter*innen in Ministerin sein. Das eigene Ziel kritisch zu hinterfragen vor Meetings ist unabdingbar – was will man eigentlich erreichen bzw. welchen Wunsch hat man gegenüber den Gesprächspartner*innen?

Die Überzeugungsarbeit und das Eintreten für OER kann hierbei langwierig und immer wieder frustrierend sein, so berichteten es Allen als auch die Teilnehmerin, die sich auf das Treffen mit dem Bildungsminister vorbereitet.

Es macht aber sehr viel Mut, wenn sich wie in Warschau Aktivist*innen, engagierte Personen aus Bündnissen, Mitarbeiter*innen von Organisationen wie Wikimedia sowie auch einzelne Ministeriumsmitarbeiter*innen aus ganz Europa sowie den Vereinigten Staaten treffen, die allesamt diesen langwierigen und teils frustrierenden Weg weitergehen wollen, um freie Bildung und OER voranzutreiben:

 

Mich ganz persönlich hat zudem die sehr offene Atmosphäre beeindruckt, die in Warschau gepflegt wurde. Offen blieb die Frage nach einer nachhaltigen, länderübergreifenden Vernetzung der anwesenden Teilnehmer*innen, welche in der Abschlussrunde von Jan Neumann geäußert wurde. Ideen hierzu auch gerne in den Kommentaren anfügen!

Einige Eindrücke und Profile von Teilnehmer*innen finden sich bei Twitter:
#OERforum (keine Anmeldung erforderlich)

Auf OERinfo wurde ich ebenfalls interviewt:
Länderübergreifend Strategien für die Förderung und Verbreitung von OER entwickeln

Lizenzhinweis

„Wie überzeugt man den Bildungsminister, OER-Projekte zu initiieren?“ von Matthias Andrasch steht unter einer CC BY 4.0 Lizenz. Sofern die Nutzung offline erfolgt, ist an den Hinweis die URL der Lizenz anzufügen: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.

One Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.