Ein offenes AIS entsteht gemeinsam

Beim OERcamp haben OER-Community und Verantwortliche des Adaptiven Intelligenten Systems miteinander diskutiert. Für uns war der Workshop vor allem eines: ein guter Auftakt für einen Dialog, der jetzt weitergehen muss.

Wie sieht eine KI-gestützte Lernumgebung aus, die nicht nur technisch funktioniert, sondern sich sinnvoll in eine offene Bildungslandschaft einfügt? Welche Rolle können Open Educational Resources darin spielen? Und was braucht es, damit Offenheit, Interoperabilität und Beteiligung nicht erst am Ende mitgedacht werden?

Mit diesen Fragen sind wir als Bündnis Freie Bildung am 30. August 2026 beim OERcamp in den Austausch zum Adaptiven Intelligenten System (AIS) gegangen. Mit AIS entwickeln die 16 Länder derzeit eine gemeinsame KI-gestützte Lehr- und Lernumgebung für Schulen. Das FWU koordiniert die Umsetzung im Auftrag der Länder.

Dass der Gesprächsbedarf groß ist, wurde schnell deutlich. Der Workshop war voll, die Fragen zahlreich und die Diskussion offen – sowohl gegenüber den Möglichkeiten des Systems als auch gegenüber Punkten, die noch geklärt werden müssen.

Genau das war aus unserer Sicht der Wert des Formats: Nicht erst über ein fertiges System sprechen, sondern zu einem Zeitpunkt miteinander ins Gespräch kommen, an dem noch gestaltet werden kann.

Offenheit beginnt nicht beim fertigen Produkt

Für das Bündnis Freie Bildung ist klar: OER in AIS einzubinden, ist ein wichtiger Schritt. Ein offenes Bildungsökosystem entsteht dadurch allein aber noch nicht. Entscheidend ist, wie das System insgesamt gestaltet wird.

Können bestehende offene Inhalte, Werkzeuge und Infrastrukturen angeschlossen werden? Können Materialien zwischen Systemen ausgetauscht und weiterverwendet werden? Werden offene Standards genutzt? Bleibt Raum für unterschiedliche Anwendungen und Formate? Und wie vermeiden wir neue Abhängigkeiten von einzelnen Plattformen oder technologischen Anbietern?

Beim OERcamp wurde genau an diesen Stellen diskutiert. Dabei ging es beispielsweise um offene Schnittstellen, die Verbindung mit bestehenden Lernmanagementsystemen und Repositorien, unterschiedliche Contentformate oder Standards.

Für uns steckt dahinter eine grundsätzliche Frage:

Wie bauen wir digitale Bildungsinfrastruktur so, dass sie Zusammenarbeit ermöglicht, statt neue Silos zu schaffen?

Gerade bei einer öffentlich getragenen Infrastruktur sollte Anschlussfähigkeit kein Zusatz sein. Sie sollte zu ihrem Grundprinzip gehören.

OER bringen mehr mit als offene Lizenzen

Genauso wichtig ist uns ein zweiter Punkt: OER sollten in diesem Prozess nicht auf die Rolle eines zusätzlichen Materialpools reduziert werden.

Hinter OER stehen Arbeitsweisen und Erfahrungen, die für die Entwicklung von AIS relevant sein können: gemeinsames Erstellen und Weiterentwickeln, Nachnutzung und Anpassung, dezentrale Qualitätssicherung, Austausch zwischen Praxis und Fachdidaktik oder der Aufbau gemeinschaftlich getragener Strukturen.

Im Workshop wurde beispielsweise darüber gesprochen, wie Fehler oder didaktisch problematische Aufgaben zurückgemeldet werden können, wie Materialien aktualisiert werden und wie fachliche Expertise dauerhaft eingebunden werden kann. Das sind Fragen, mit denen sich OER-Akteur*innen schon lange beschäftigen.

Die Chance liegt deshalb nicht nur darin, offene Inhalte in AIS hineinzubringen. Sie liegt auch darin, Erfahrungen aus offenen Entwicklungs- und Community-Prozessen für AIS nutzbar zu machen.

Und umgekehrt kann der Aufbau eines Systems wie AIS neue Impulse dafür geben, wie offene Materialien künftig gefunden, kombiniert, weiterentwickelt und in adaptive Lernprozesse eingebunden werden.

Genau diesen Perspektivwechsel fanden wir im Workshop besonders produktiv: nicht nur fragen, was die OER-Community für AIS liefern kann, sondern auch, was AIS von offenen Ökosystemen lernen kann.

Offenheit braucht Mitgestaltung

Technische Standards und offene Lizenzen sind dabei nur ein Teil des Bildes.

Bei einem System, das perspektivisch den Lernalltag von Schüler*innen und Lehrkräften berühren soll, geht es ebenso um pädagogische und gesellschaftliche Fragen: Welche Vorstellung von Lernen liegt dem System zugrunde? Wie werden Lehrkräfte eingebunden? Wie können Schüler*innen beteiligt werden? Werden unterschiedliche Lernvoraussetzungen und Förderbedarfe berücksichtigt? Was braucht es, damit neue digitale Möglichkeiten nicht bestehende Ungleichheiten verstärken?

Auch diese Fragen hatten beim OERcamp ihren Platz. Das zeigt: Offenheit bedeutet für uns auch Offenheit des Entwicklungsprozesses.

Beteiligung sollte deshalb mehr sein als die Möglichkeit, Rückmeldungen zu einem bereits weitgehend festgelegten System zu geben. Gute Beteiligung schafft Möglichkeiten, Anforderungen frühzeitig einzubringen, Entscheidungen nachvollziehen zu können und gemeinsam Lösungen weiterzuentwickeln.

„Mehr als eine Stunde nach dem offiziellen Ende des Workshops war noch ein Dutzend Teilnehmende im Tagungsraum in Diskussionen vertieft – und das an einem Sonntag zur Mittagszeit. Das spricht für das Interesse und das Engagement der Community für offene Infrastrukturen.“ – Jöran Muuß-Merholz, Co-Gastgeber des OERcamps

Gerade die OER-Community kann dazu unterschiedliche Erfahrungen beitragen – aus Schulen und Hochschulen, aus Repositorien und Communities, aus der Entwicklung offener Software, aus Weiterbildung, Fachdidaktik und Bildungsforschung.

Diese Vielfalt ist kein Hindernis, das vereinheitlicht werden muss. Sie ist eine Ressource für die Entwicklung.

Vom Austausch zur Zusammenarbeit

Der Workshop beim OERcamp war dabei nur ein erster Schritt.

Die dort gesammelten Fragen und Anregungen sollen nun in den weiteren Beteiligungsprozess einfließen. Im Herbst ist zunächst ein offener digitaler Auftakt für Bildungsmedienanbieter*innen geplant. Anschließend sollen zwei Fokusgruppen den Prozess längerfristig begleiten – eine mit privatwirtschaftlichen Bildungsmedienanbieter*innen und eine mit der OER-Community.

Wir begrüßen diese Öffnung ausdrücklich. Jetzt wird es darauf ankommen, den begonnenen Dialog zu verstetigen: Rückmeldungen sichtbar aufzugreifen, Entscheidungen transparent zu machen und Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Akteur*innen tatsächlich gemeinsam an Lösungen arbeiten können.

Als Bündnis Freie Bildung wollen wir uns daran beteiligen und zugleich weitere Menschen aus der OER-Community dazu ermutigen, ihre Erfahrungen und Perspektiven einzubringen.

Danke für die Offenheit

Dass dieser Austausch so stattfinden konnte, ist nicht selbstverständlich. Deshalb zunächst ein großes Dankeschön an das OERcamp, das den Raum für diese Diskussion geschaffen und unterschiedliche Akteur*innen zusammengebracht hat.

Ebenso danken wir dem FWU und dem gesamten AIS-Konsortium für die Offenheit im Workshop. Viele Fragen waren konkret, einige kritisch, manche noch nicht abschließend zu beantworten. Dass diese Fragen Raum bekommen haben und nicht der Anspruch bestand, bereits auf alles eine fertige Antwort zu haben, war für den Austausch wichtig.

Daran möchten wir anknüpfen. Der Dialog hat begonnen. Jetzt geht es darum, aus ihm Zusammenarbeit und gemeinsame Gestaltung zu machen.

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